announcement Stichwort Pfingsten | 50 Tage nach Ostern

Geburtstag der Kirche und Beschreibung eines menschlichen Veränderungsprozesses

Pfingsten ist das Fest des lebendigen Wirken Gottes unter den Menschen.

Plötzlich brennen sie für ihren Glauben

© Photo by Sunyu on Unsplash

Nach der Himmelfahrt Jesu stehen die Anhänger*innen vor der Frage, wie es weitergehen soll. Ihr Meister - zumindest in irdischer, be-greifbarer Gestalt - war weg. Es gab zwar den Missionsbefehl, dass sie hingehen sollen und alle Völker zu Jüngerinnen und Jüngern machen. Doch eine Gebrauchsanweisung zum Aufbau des Reiches Gottes mit konkreten Schritten war das nicht.

Außerdem bestand die Gefahr, dass die Römer oder geistlichen jüdischen Führer aktiv werden, um diesem Jesus-Kult ein Ende zu machen und diese Störung in den gewohnten Abläufen zu beenden. - Das Herz in der Hose verkriechen sich die Anhänger*innen von Jesus im Haus.

Und genau da passierts. Im Haus - ja, im Haus! - zieht ein Sturm auf. Er tobt und weht, es donnert in der guten Stube, dass alle verwundert - erstaunt - erschrocken aufspringen. Damit nicht genug! Es tauchen aus dem Nichts plötzlich irgendwelche Feuerzungen auf und tanzen durch den Raum. Dann lassen sich diese Flämmchen auf den Köpfen der anwesenden Menschen nieder und erfüllen sie mit einer einzigartigen, göttlichen Kraft: dem Heiligen Geist. Der Autor Fabian Vogt nennt dies "Science Fiction pur".

Der Heilige Geist macht genau das - er bringt die Jünger in Bewegung. 

"Er bringt sie in Fahrt. Er begeistert sie im wahrsten Sinne des Wortes. Er motiviert sie, rüttelt sie auf, macht sie mutig und sorgt dafür, dass dieselben Frauen und Männer, die eben noch ängstlich beieinanderhockten, auf einmal mit Energie und Leidenschaft erfüllt sind. Oder wie man heute sagen würde: Die 'brennen' Hals über Kopf für ihren Glauben", so Vogt.

Der Heilige Geist wirkt noch etwas: Diese gerade noch verzagten Stubenhocker werden sprachfähig. Sie haben keine Angst mehr, zu ihren frei machenden Idealen zu stehen. Sie rennen, so erzählt es die Bibel, auf die Straße und fangen an mit fröhlichen Gesichtern von Gottes Liebe zu erzählen.
Das tun sie in breitem Aramäisch - einer nicht so weit verbreiteten Sprache. Und in Sprachen, die sie bis zu diesem Moment noch nicht sprachen: Ägyptisch, Persisch, Mesopotamisch, Süd-Babylonisch, West-Anatolysch und vielleicht auch Schwäbisch.

Und während diese begeisterten Menschen den verwunderten Zuhörer*innen mit vor Begeisterung geweiteten Augen erzählen, warum und wie sich die Auferstehung von Jesus Christus in ihrem Leben wiederholt, erkennen sie, was Gott sich für die Zukunft von ihnen wünscht: Nämlich dass sie das weiterhin tun, was sie gerade machen und sind:

 

Eine motivierte, geistliche Gemeinschaft zu sein, die so von Gottes Liebe erfüllt ist, dass sie mit dieser Freude andere Menschen einlädt und ansteckt, an dieser Erfahrung teilzuhaben. 

Die geisterfüllte Gemeinde tritt ins Tageslicht:
Das kann man tatsächlich als Geburtsstunde der Kirche bezeichnen.

 

 

Ordnung und Dynamik - beides braucht die Kirche

 

Übrigens waren nicht zufällig so viele Menschen aus aller Herren Länder in Jerusalem.
50 Tage nach dem Passahfest feierte man das Fest der Frühlingsernte, eine Art frühsommerliches Erntedankfest.

Das griechische Wort für Fünfzig lautet 'Pentakoste', woraus sich der Begriff Pfingsten ableitet.

Dabei gedachten die Pilger*innen nicht nur der Ernte und der Fruchtbarkeit der Erde,
sondern auch daran, dass Gott Mose die 10 Gebote übergeben hat - also die Bedeutung ihrer heiligen Gesetze.

So wie Mose auf dem Berg Sinai in Flammen stand, stehen die Jünger in Flammen - sicher kein Zufall.
Während die Israeliten die Gesetze bekamen, bekommen die Jesus-Nachfolgenden den Heiligen Geist.
Jesus selbst sagt in der Bergpredigt: "Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist ...  Ich sage euch aber ..." Jesus setzt das Gesetzt nicht außer Kraft - er bringt es zu neuer Geltung und zeigt seinen Sinn auf.
Es geht nicht um Buchstaben-Hörigkeit gleich dem abarbeiten einer spirituellen Checkliste. Der Heilige Geist befähigt dazu, den Sinn der Gebote zu verstehen und sie je und je im Alltag zu befolgen.

Der Heilige Geist, der ein Geist der Erneuerung, des Trostes und der Ermutigung ist, lehrt neu das Bibel lesen und verstehen. Dann fasst die Bibel nicht Lese-Worte, sondern Lebensworte für den konkreten Alltag.

Das ist spannend - und evangelisch. "Eine Kirche, die reformiert, muss ständig reformiert werden. Das ist der entscheidende Anspruch: Sich nirgends bequem einzurichten, auch in scheinbar Erfolgreichen. Sondern Ermutigung zu ziehen aus dem, was gelungen ist, und die Verpflichtung daraus abzuleiten, weiter, konsequenter, tiefer, nachhaltiger zu fühlen, zu denken und zu handeln", bringt es Trompetenvirtuose und Dirigent Ludwig Güttler im Interview mit evangelisch.de auf den Punkt.

Hier treffen sich die notwendig-beständige Institution, die ordnet und Sicherheit gibt und das ebenso notwendige, dynamische Ereignis aufeinander. Damit die Kirche die Kirche bleibt und ist - und immer wieder die Menschen erreicht.

 

 

Das erste Mal hat der Kirchenvater Origines das Pfingstfest im 3. Jahrhundert erwähnt. Offiziell eingeführt wurde es erst 425 nach Christus. 

Pfingsten heißt auch, dass eine Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Werte haben, die Kraft haben, die Welt zu verändern. 

 

Die Pfingstgeschichte zum Nachlesen in der Bibel
Apostelgeschichte Kapitel 2, Verse 1-47